Die Wahrheit steckt in der Freude

von Esther Joas

Bild: VRD / fotolila.com

Es war alles perfekt geplant.

An Heiligabend würde David mit seinen Eltern im Esszimmer sitzen, Weihnachtslieder singen und auf das Christkind warten. Derweil schleiche ich mich durch die angelehnte Verandatür ins Wohnzimmer, entzünde die Christbaumkerzen, läute das goldene Glöckchen und verschwinde wieder. David sollte strahlen!

Dann war es soweit.

Ich, im 9. Monat schwanger, stapfte also durch den Garten zur Veranda. Sie sangen: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit“. Das war mein Stichwort: ich stahl mich hinein und zündete Kerze für Kerze an. Dann läutete ich wie geplant das Glöckchen und rettete mich ins Freie.

Sofort stürmte David herein. Doch da war kein besinnliches Staunen.

„Mama“, hörte ich ihn entsetzt rufen, „das Christkind hat sein goldenes Glöckchen vergessen.“ Ich fasste mir verzweifelt an den Kopf. „Das Glöckchen, wie konnte ich es nur vergessen!“ Aus die Maus. Ende der Illusion. Da hörte ich die Mutter sagen: „Auch das Christkind vergisst mal etwas. Bestimmt wird es das Glöckchen noch holen.“

Und endlich strahlte David.

Nachdenklich fuhr ich nach Hause: „Ist das alles eine Lüge?“ „Nein“, dachte ich. „Denn die Wahrheit steckt in der Freude, in dem Staunen über den Zauber von Weihnachten.“

Die Autorin

Esther Joas

Esther Joas

Vikarin in der St. Martini Gemeinde zu Bremen-Lesum

St. Martini zu Bremen-Lesum