Marias Strahlenkranz

von Dr. Adelheid Ruck-Schröder

Bild: t0m15 | fotolila.com

In einem Winkel des Kreuzgangs entdecke ich ihn: Da lehnt er am Boden, ein bisschen schief und eingeknickt: der Strahlenkranz der Maria.

Bei der letzten Renovierung war der goldene Tand aus der Kirche verbannt worden. Maria steht seither etwas verloren auf ihrem Podest im Chorraum, das Jesuskind auf den Armen, bloß eben ohne ihre Strahlen. Hier im dunklen Kreuzgang schimmern sie zum Trotz matt golden.

Ich kann nicht widerstehen, und hebe die filigranen Strahlen hoch. Wie fein sie leuchten. Eigentlich stehe ich nicht auf Gold und Glitzer. Aber dieser geknickte Strahlenkranz rührt mich an.

Die echte Maria war ein junges Mädchen, vielleicht 13, vielleicht 17 Jahre alt. Keine strahlende Himmelskönigin. Trotzdem bringt sie das Jesuskind zur Welt. „Warum ich?“, hat sie gefragt und nie eine Antwort darauf gekriegt. Aber die himmlischen Strahlen haben sie trotzdem berührt: „Den aller Weltkreis nie erschloss, der liegt in Marien Schoß.“ – Das singen wir an Weihnachten. Ich hätte Maria den Strahlenkranz gegönnt.

Inzwischen wird das Kloster umgebaut. Auch die alte Bibliothek im Kreuzgang ist leergeräumt. Der verbannte Strahlenkranz längst verstaut. Schade eigentlich. Eine Deko kann man zwar wegpacken und wiederauspacken. Den Glanz Gottes aber nicht. Er berührt Menschen wie Maria.

Auch heute.
Auch ohne goldenen Strahlenkranz.

Die Autorin

Dr. Adelheid Ruck-Schröder

Dr. Adelheid Ruck-Schröder

Studiendirektorin am Predigerseminar Loccum

Martinskirchengemeinde Hoheneggelsen